Sonntag, 15. Januar 2012

"It's a Long Way to the Top...

From usa


...If you wanna Rock'n'Roll" - ACDC

Egal ob es Rock'n'Roll ist oder was anderes...Talent ist völlig überbewertet. Nennt mir ein Beispiel für eine Person, die in einer Sache zu den Besten der Welt gehört und die nicht jahrelang sehr hart dafür arbeiten musste.

Natürlich sind Menschen verschieden und bestimmte Charakterzüge und ganz sicher auch Intelligenz (was das auch immer sein mag) haben Einfluss darauf, wie gut und schnell wir neue Dinge lernen, und wie es um unsere motivationale Ausdauer steht. Jedoch verstehe ich nicht die häufig gehörte Ausrede "ich hab kein Talent dafür".

Zwei Beispiele aus der letzten Woche:

1. eine Studentin erklärt mir, dass sie absolut untalentiert im Fach Statistik ist, sie konnte sich noch nie für Mathe begeistern und musste deshalb dieses Semester ca. 10h wöchentlich investieren um dem Stoff folgen zu können - wenn wir jetzt annehmen, dass diese Studentin bisher der Mathematik so weit wie möglich ferngeblieben ist, dann würden wir schätzen, dass sie im Schnitt deutlich weniger Zeit mit Mathematik verbracht hat, als andere Studenten.
Nun, sie sah etwas betrübt aus, was ich nicht nachvollziehen konnte, denn ich dachte und sagte: "ist doch super, überleg dir mal, wie viel du in den letzten Monaten dazugelernt hast, wenn du jede Woche 10h geübt hast". Bleiben wir bei dieser einen Person und nehmen an, dass sie später in einem zweiten Studium eine ähnliche Veranstaltung noch mal besuchen muss (und ihr die alte nicht angerechnet werden kann - Bachelor/Master System halt). Wie "talentiert" wird sie nun wirken?

2. ebenfalls eine Studentin versteht einen bestimmten Sachverhalt nicht, nachdem sie ihn zwei mal im Buch gelesen hat, schaut ebenfalls betrübt und ich ergänze in meinem Kopf die nicht ausgesprochenen Worte "ich habe kein Talent dafür" und vielleicht noch ein "mimimi" - auch hier schaue ich leicht irritiert und sage: "ja, das ist komplex und auch kompliziert, das versteht man nicht, wenn man es zwei mal liest" - wie viel lernt man, wenn man ein Buch liest und es beim ersten mal vollständig versteht? Anscheinend nahezu nichts. Man kann doch nicht so naiv sein und denken, dass man alles sofort verstehen wird. Harald Lesch hat mal in einem Vortrag gesagt (inhaltlich): "in der Physik ist es normal, dass man am Anfang des Studiums nichts versteht, das muss man erst mal setzen lassen, dann nach ein paar Jahren, wenn man es sich noch mal anschaut, fängt man es zu verstehen". Je nach Fach würde ich sagen, dass das mehr oder weniger zutrifft, in jedem Fall aber ist das eine sehr wichtige Einsicht.

Schlussfolgerungen:

Wir könnten folgendes tun: messen wir doch das Können in einem bestimmten Gebiet immer im Verhältnis zu der Übungszeit. Erst dann sehen wir doch so etwas wie "Talent". Und das wird natürlich existieren, es wird Leute geben, die haben nach einem Jahr Übungszeit mehr drauf als jemand, der es 3 Jahre macht, jedoch wird das sehr selten passieren und die Extreme werden noch seltener, wenn wir die Spanne vergrößern. Hierbei sehe ich jedoch die wichtige Bedingung, dass angemessen und bewusst geübt wird und die Übungsweise sich nicht von Person zu Person unterscheidet. In der Realität wird das schwierig sein, aber vielleicht hilft es dem ein oder anderen zu etwas Empathie.

Das würde bei mir folgendermaßen aussehen: ich würde behaupten, dass ich recht talentiert im Bereich Computer bin, ich kenne mich mit recht viel Software aus, bin sehr fit in Windows, habe mittlerweile ein für mich nahezu perfektes System eingerichtet, kann etwas programmieren, etc... und woran merkt man, dass man in einer Sache gut ist? Genau, man wird "hin und wieder" um Hilfe gebeten bzw. merkwürdig angeschaut, wenn man Dinge kennt und nutzt, von denen andere noch nie gehört haben. So weit so gut...wenn ich also jemanden am Computer sehe, der es nicht schafft die Auflösung des Bildschirms zu ändern, der nicht mit "strg u. Mausrad" Texte vergrößert bzw. verkleinert, der noch nie in msconfig die ganzen sinnlosen Autostarteinträge entfernt hat, und, oder, etc....dann denke ich nicht: "oh Gott, was macht der da nur, ich kann nicht hinsehen", sondern ich erinnere mich, dass ich bereits als relativ kleines Kind den Umgang mit dem Computer gelernt habe, ich kenne mich so gut aus - nicht weil ich sooo wahnsinnig talentiert bin, sondern weil ich viel Zeit damit verbracht habe. Und ich weiss, dass ich andere Dinge nicht so gut kann wie andere Menschen.

Wenn ich aber lange genug übe, dann kann ich genau so gut werden wie andere. Oder zumindest so gut, wie ich es mir in meinem Kopf nicht hätte ausmalen können.